Mögliche Zuordnungsfehler beim Poliscanspeed der Firma Vitronic?

Mögliche Zuordnungsfehler beim Poliscanspeed der Firma Vitronic?

Das Gutachten des Sachverständigen Dipl.-Ing Weyde über Poliscanspeed enthält eine umfassende Beschreibung des Messverfahrens. Interessant ist der Nachweis, dass insbesondere im unteren Geschwindigkeitsbereich durchaus die Möglichkeit besteht, dass ein Fahrzeug fotografiert wird, das nicht die entsprechende Messung ausgelöst hat (Zuordnungsfehler). Das Gutachten zum Download finden Sie hier:

poliscangutachten
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Ingenieurbüro Weyde – Heinrichstraße 6 – 12207 Berlin
Büro für Unfallrekonstruktion
Heinrichstraße 6
12207 Berlin
Tel.: 030 / 61 40 13 90
Fax: 030 / 61 40 13 91
Web: www.unfallgutachter.de
e-mail: berlin@unfallgutachter.de
Datum: 19. Januar 2010
Gutachten-Nr.: WWWWW/ he
Messung vom:
Ihr Zeichen:
Beteiligte:
Fahrzeuge: Pkw, X- XX XXX Verantwortlich für den Inhalt dieses Schriftstückes
ist ausschließlich der jeweils Unterzeichnende
AUSZUG AUS GUTACHTEN
PoliScanspeed
1 AUFBAU
Das Messsystem PoliScanspeed besteht im Wesentlichen aus vier Komponenten: 1.) der Mess- und Dokumentationseinheit,
2.) der Spannungsversorgung, 3.) dem Blitzgerät und 4.) einer externen Bedieneinheit.
In Abbildung 1 sind die Komponenten des Messsystems, bis auf die Bedieneinheit, dargestellt.
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Abbildung 1: Komponenten des Messsystems PoliScanspeed
Die Mess- und Dokumentationseinheit ist das Kernstück des Gerätes. Diese besteht wiederum aus
zwei Kameras und einem daneben angeordneten Zielfernrohr sowie einem darunter angeordnetem
Spiegelsystem, über das die Laserstrahlen ausgesendet und empfangen werden. Das Spiegelsystem besteht
im Prinzip aus einem Quader mit 4 Spiegeln, der sich mit einer Geschwindigkeit von 25 s-1 dreht.
Ferner ist in der Messeineinheit der Auswerterechner mit LCD-Anzeige integriert (siehe Abbildung 2).
Abbildung 2: Messeinheit des Messsystems PoliScanspeed
– linkes Bild: Frontansicht mit erkennbaren Kameras und Spiegelsystem
– rechtes Bild: Rückansicht mit LCD-Anzeige
Mess- und Dokumentationseinheit
Blitzgerät
Spannungsversorgung
Kameras
Spiegelsystem
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2 FUNKTIONSPRINZIP
Das Messverfahren basiert grundsätzlich auf der sogenannten LIDAR-Methode (Light Detection and
Ranging), d. h. es werden Laser-Pulse ausgesendet, die an geeigneten Objekten zurück zum Messgerät
reflektiert werden. Aus einer Laufzeitmessung wird für einen Zeitpunkt ti die Entfernung zum jeweiligen
Reflektor bestimmt. Es wird also die Zeit gemessen, die vom Aussenden des Laserimpulses bis
zum Wiedereintreffen am Messgerät vergeht, so dass bei bekannter Lichtgeschwindigkeit die Entfernung
zum reflektierenden Objekt bestimmt ist. Durch mehrfaches Messen der Entfernung kurz hintereinander
lässt sich die Änderung der Entfernung über die Zeit zwischen zwei Messzeitpunkten ti und
ti+1 bestimmen, was somit der Geschwindigkeit des gemessenen Objektes entspricht, wenn das Messgerät
selbst keine eigene Geschwindigkeit hat, wovon beim stationären Messbetrieb auszugehen ist.
Dieses Messprinzip wird grundsätzlich auch bei anderen Lasermesssystemen, wie zum Beispiel Riegl
FG21-P oder LAVEG u. a. angewendet. Anders als bei den am Markt üblichen Handlasermessgeräten
wird beim Messgerät PoliScanspeed aber nicht nur ein einzelner Laserstrahl, sondern es werden insgesamt
158 Laserstrahlen ausgesendet, die wie ein Fächer innerhalb eines Winkels von 45° über die
Fahrbahn geworfen werden (Abbildung 3).
Abbildung 3: Schematische Darstellung des Laserfächers und des berücksichtigten Messbereichs
Damit ein Messwert gebildet wird, muss das gemessene Fahrzeug mindestens für eine zusammenhängende
Strecke von 10 m innerhalb des Bereichs von 50 bis 20 m vor dem Messgerät auswertbare Signale
liefern, d. h. die Kriterien der Fahrzeugerkennung müssen über diese Mindestmessstrecke erfüllt
sein. Die Messung wird verworfen, wenn das Fahrzeug für eine Strecke von mehr als 15 m bzw. eine
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Zeit von mehr als 2 s keine Signale liefert, die den Anforderungen an die Messwertbildung genügen.
Zusätzlich müssen spätestens 5 m vor dem Ende der Messstrecke auswertbare Signale registriert werden,
d. h. das Fahrzeug, dessen Geschwindigkeit im Messsystem bestimmt wurde, muss spätestens 25
m vor dem Messgerät wieder erkannt werden, also in den vorher berechneten Fahrzeugrahmen bzw.
die vorausberechnete Position der Frontlinie hineinpassen. Ansonsten wird kein Messfoto ausgelöst.
Stattdessen erfolgt die Annullierung der Messung und der Fehlercode „X!“ wird angezeigt.
Überschreitet ein Fahrzeug die vorgegebene Geschwindigkeitsgrenze, so wird ein Messfoto ausgelöst.
Die Fotodokumentation erfolgt dort, wo sich das Fahrzeug voraussichtlich in idealer Fotoposition befindet,
um unter anderem den Fahrzeugführer zu erkennen. Für Fahrzeuge in dem zum Messgerät näher
gelegenen Fahrstreifen erfolgt die Fotodokumentation daher etwa 10 – 15 m vor dem Messgerät, d.
h. 5 – 10 m nach dem Ende des möglichen Messbereichs. In dem seitlich weiter vom Messgerät entfernten
Fahrbahnbereich werden Fahrzeuge etwa 20 m vor dem Messgerät fotografiert, d. h. etwa am
Ende des maximal möglichen Messbereichs.
Der eigentliche Messbereich entspricht somit nicht der Position, in der das Fahrzeug auf dem
Foto abgebildet wird.
3 VERSUCHE MIT DEM GERÄT POLISCANSPEED
Um die Funktionalität des Messgeräts und die Angaben des Geräteherstellers zu prüfen, wurden zunächst
mehrere Versuchsfahrten durchgeführt, bei denen es insbesondere auf die richtige Messwertzuordnung
ankam. Dabei wurde beispielsweise das im rechten Fahrstreifen fahrende Fahrzeug auch extrem
zur Seite gelenkt.
In den Versuchen wurden auch Situationen nachgestellt, bei denen aus der theoretischen Vorbetrachtung
heraus Fehlzuordnungen des Messsystems zu erwarten waren.
Unter anderem wurde eine Fallkonstellation untersucht, bei der sich ein stehendes Fahrzeug im
Hintergrund der Fotoposition befindet, während das Fahrzeug, das die Messung ausgelöst hat,
aus dem Fotobereich verschwindet.
Bei den durchgeführten Versuchen1 zeigte sich dann auch, dass durchaus die Möglichkeit der
Fehlzuordnung im unteren Geschwindigkeitsbereich bestehen könnte.
1 Winninghoff M., Weyde M. und Hahn M. : Vitronic PoliScan-Speed – Messprinzip und
Fehlerquellen, Verkehrsunfall und Fahrzeugtechnik , 01-2010, http://www.atzonline.de/Artikel/3/10772/Vitronic-PoliScan-Speed-–-
Messprinzip-und-Fehlerquellen.html
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Abbildung 4: Versuchsfahrt, bei der das gemessene Fahrzeug nach dem Durchfahren der Messstrecke
abrupt nach rechts weggelenkt wurde, so dass dieses gemessene Fahrzeug (VW Golf) gar
nicht mehr im Messfoto erkennbar ist, aber ein dort schon vorher hingestellter Pkw Honda
– linkes Bild: Messfoto mit fehlendem tatsächlich gemessenen Fahrzeug, aber mit anderen
Pkw, der die Messung jedoch gar nicht ausgelöst hat, da er stand
– rechte Bilder: Versuchsablauf, der zu dem Messfoto (linkes Bild) führte:
oben: gemessenes Fahrzeug (VW Golf) fährt nach rechts, siehe Pfeil
unten: gemessenes Fahrzeug ist bei der Fotoauslösung (Pfeil) außerhalb
des Fotobereichs, so dass nur der vorher schon dort stehende Pkw
Honda im Foto abgebildet wird
Aufgrund der Weg-Zeit-Zusammenhänge ist diese Fallkonstellation jedoch nur für den Messgerät nahen
Fahrstreifen und eher im unteren Geschwindigkeitsbereich möglich, da es nur dort eine verhältnismäßig
lange „Todstrecke“ gibt, in der das Fahrzeug zwischen Ende der Messstrecke und der späteren
Fotoposition unbeobachtet vom Messgerät bleibt.
Da das Gerät für Messungen ab 10 km/h zugelassen ist, hat die Durchführung von Versuchen
mit geringen Geschwindigkeiten, wie sie in verkehrsberuhigten Bereichen vorgeschrieben sind,
durchaus praktische Relevanz, denn die Wahrscheinlichkeit für einen „Stellungswechsel“ zwischen
zwei Fahrzeugen, der prinzipiell in der Verzugszeit zwischen Messwertende und Fotoauslösung
eintreten und zu einer Fehlzuordnung führen kann, nimmt zu, je kleiner die Geschwindigkeiten
der Fahrzeuge sind.
Das Messgerät PoliScanspeed erlaubt anhand des eingeblendeten Messwertrahmens eine Prüfung
des Einzelfalls hinsichtlich etwaiger Zuordnungsfehler, so dass im Falle von Zweifeln an der
Messwertzuordnung aus technischer Sicht die Überprüfung einer Messung auf die Möglichkeit
eines Zuordnungsfehlers nicht nur sinnvoll, sondern erforderlich sein kann.
Dipl.-Ing. Michael Weyde